Interview mit Dr. Georg Geißler, COPD-Patient

Im Interview berichtet Dr. Georg Geißler, 59, über die Diagnose COPD, Schamgefühle, seinen Beruf als Lehrer und die Auswirkungen der Erkrankung auf seine Ehe.



Herr Dr. Geißler, die Diagnose COPD wurde im Jahr 2001 bei Ihnen gestellt. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?

Dr. Geißler: COPD war etwas völlig Neues für mich, ich hatte die Krankheit vorher noch nie gehört. Meine Beschwerden äußerten sich vor allem darin, dass mir beim Laufen die Luft fehlte und ich immer langsamer wurde. Meine Frau hat damals gesagt, ich sollte das mal vom Arzt überprüfen lassen. Die Ärzte haben mich von Anfang an gut aufgeklärt, und ich habe mich auch im Internet informiert. So wurde mir bald klar, dass ich etwas sehr Ernstes habe. Psychisch war das ein schwerer Einschnitt, wenn man liest, dass COPD-Patienten selten älter als 70 bis 75 werden.

Wie hat Ihr Freundes- und Bekanntenkreis reagiert?

Dr. Geißler: Eigentlich waren alle sehr nett und verständnisvoll, dennoch muss ich schon sagen, dass eine gewisse soziale Ausgrenzung stattfand. Das ist etwas, was mich sehr bedrückt hat in den ersten Jahren der Erkrankung: Wenn man nicht mehr bei gemeinsamen Aktivitäten mitmachen kann, ist es schwierig, manche Kontakte zu halten. Das ist schade, aber ich musste lernen, das zu akzeptieren.

Haben Sie denn von Ihrer Erkrankung erzählt?

Dr. Geißler: Anfangs habe ich gar nichts erzählt. Sicherlich war das auch ein Versuch von mir, auf diese Weise meine Krankheit zu verdrängen. Man kann zunächst durchaus noch „tricksen“, sodass das Umfeld nicht gleich merkt, dass man körperlich eingeschränkt ist. Mittlerweile ist die Krankheit aber weiter fortgeschritten – und es lässt sich nicht leugnen, dass ich nicht mehr so aktiv sein kann, wie ich es gern möchte. Die meisten Bekannten wissen inzwischen, dass ich krank bin, allerdings auch dadurch, dass ich in einer Selbsthilfegruppe arbeite und deshalb gelegentlich in der Zeitung stehe.

Ist COPD eine Krankheit, für die Sie sich schämen?

Dr. Geißler: Heute gilt das für mich nicht mehr, aber anfangs habe ich mich schon geschämt. Mit dem Rauchen hatte ich zwar bereits seit langem aufgehört, aber es war kein schönes Gefühl, zugeben zu müssen, dass man schneller alt wird als andere. Und: Man muss sich selbst und anderen gegenüber eine körperliche Schwäche eingestehen. Heute kann ich zwar besser mit meiner Krankheit umgehen, auch dank der Arbeit in der Selbsthilfegruppe. Trotzdem bin ich bisweilen deprimiert, weil die Krankheit ja immer weiter fortschreitet und nie mehr besser wird. Das ist das Schlimmste.

Sie sind ja noch berufstätig als Lehrer in einem Gymnasium. Wie gehen Sie dort mit Ihrer Krankheit um? Haben Sie Ihre Kollegen und Schüler informiert?

Dr. Geißler: Die Kollegen wissen Bescheid und sind hilfsbereit – wenn zum Beispiel schnell mal etwas aus einer anderen Etage zu holen ist, machen sie das für mich. Der Stundenplan ist so gestaltet, dass ich keine langen Wege zwischen den Räumen habe. Meine eigene Klasse ist auch informiert und hat Verständnis dafür, dass wir auf Klassenfahrten keine langen Wanderungen unternehmen, sondern eher ins Museum gehen.

Machen Sie sich oft Sorgen, dass Sie wegen der Luftnot eine körperliche Anstrengung nicht schaffen? Versuchen Sie manche Dinge gar nicht mehr? Oder haben Sie Angst, dass Sie zum Beispiel im Theater husten müssen?

Dr. Geißler: Zum Glück habe ich gar keinen Husten, manche Sachen fallen aber einfach für mich aus. Mit vielen Dingen arrangiere ich mich, und wenn ich z.B. irgendwo viele Treppen steigen müsste, spreche ich offen an, warum ich das nicht kann. Es passiert schon, dass man angesprochen wird, warum man den Aufzug in den nächsten Stock benutzt, wo man doch noch ganz jung aussieht. Aber damit kann ich mittlerweile umgehen.

Für Ihre Frau ist Ihre Erkrankung sicher auch eine große Belastung. Wie hat sich Ihre Partnerschaft seit der Diagnose verändert?

Dr. Geißler: Das ist ein schwieriges Kapitel, das Sie da ansprechen. Meine Frau ist sehr verständnisvoll und übernimmt körperliche Arbeiten, die ich einfach nicht mehr schaffe. Für manche Aufgaben, z.B. die Gartenarbeit, müssen wir uns Hilfe holen. Ich kenne Paare, bei denen die Krankheit die Beziehung sehr belastet. Es ist nicht nur für den Betroffenen selbst, sondern auch für den Partner sehr schwer, mit dem Bewusstsein zu leben, dass die Krankheit nie wieder besser wird, sondern sich im Laufe der Zeit immer weiter verschlimmert. In manchen Fällen wäre eine Paartherapie sicher sinnvoll, wenn beide Partner dazu bereit sind. Meine Frau geht auch mal drei Tage ohne mich wandern, und sie macht anderen Sport als ich. Auch wenn sie langsam mit mir Rad fährt: Irgendwann will sie dann auch mal schneller radeln. Gerade beim Sport sollten beide auch einzeln aktiv sein, sonst ist der gesunde Partner immer unterfordert.

Herr Dr. Geißer, vielen Dank für das Gespräch.

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