
Die Entdeckung des Penizillins – wie so oft, ein Zufall
Im Jahr 1928 war Alexander Fleming, britischer Mediziner und Bakteriologe dabei, sein Labor aufzuräumen. Die verschimmelten Petrischalen – flache Schalen mit Deckel, in denen Bakterien zur Identifikation auf Nährböden wachsen können – wollte er gerade wegwerfen, als ihm auffiel, dass im Umkreis der Schimmelinseln keine Bakterien gewachsen waren. Die Schimmelpilze mussten einen Stoff absondern, der das Wachstum von Bakterien verhinderte. Die Geburtsstunde des Penizillins! Der Name des ersten Antibiotikums leitet sich vom Schimmelpilz, Penizilium notatum ab, der dieses Antibiotikum produzieren kann.
Antibiotika sind keine Erfindung der Neuzeit!
Wissenschaftler haben in Bohrkernen im Permafrost in Alaska nachweisen können, dass es bereits vor 5.000 Jahren Antibiotika gegeben hat. Bereits vor 5.000 Jahren mussten sich Pilze vor dem Angriff von Bakterien schützen. Und Bakterien mussten versuchen, sich vor dieser Bedrohung zu schützen, Resistenzen – Unempfindlichkeit – bilden.
Übertriebene Verwendung und Wirkverlust
Leider hat es keine 100 Jahre gebraucht, bis wir durch unseren leichtfertigen und zu häufigen Einsatz eine scharfe Waffe haben stumpf werden lassen. Laut Schätzungen des Robert-Koch-Instituts liegt die Zahl der Todesfälle in Deutschland, die unmittelbar durch Infektionen mit multiresistenten Erregern verursacht werden, bei über 9.000 pro Jahr. Bis 2050 könnten weltweit 39 Millionen Menschen direkt an solchen Infektionen sterben = 3 Todesfälle pro Minute.
Antibiotika wurden und werden immer noch zu oft vorsorglich eingesetzt, d. h. ohne sicheren Nachweis einer Infektion mit Bakterien, in der Überzeugung, „vielleicht helfen sie ja, schaden können sie ja nicht!“
In diesem Moment vergessen wir ein paar wichtige Fakten: Antibiotika helfen nur gegen Bakterien, gegen Viren sind sie nutzlos! Bei 80% aller Infektionen der Atemwege finden wir Viren als Auslöser und nur in 20% Bakterien. Bei Patienten mit einer COPD sind es etwa 50% mit bakterieller Ursache. Aber das rechtfertigt keinen routinemäßigen Einsatz!
Warum helfen Antibiotika nicht gegen Viren?
Bakterien sind die kleinsten Lebewesen in der Natur. Geben wir ihnen alle Bausteine zum Leben, können sie existieren und sich vermehren. Antibiotika greifen die Bakterien nicht an. Sie sind so etwas wie „falsche Bausteine“. Antibiotika, mogeln sich in den Lebensprozess der Bakterien, wo sie dann Schäden auslösen, an denen Sie zugrunde gehen. So wird z.B. ein bestimmtes Antibiotikum als Baustein in die Zellwand eingebaut. Diese bricht zusammen und das Leben der Bakterienzelle ist beendet. Werden Antibiotika zu oft benutzt, erkennen die Bakterien den „Betrug“ und beginnen sich dagegen zu schützen, sie bilden Resistenzen.
Ganz anders verhält es sich mit Viren. Viren sind, vereinfacht formuliert, nicht mehr als ein gut in einer Hülle verpackter Bauplan. Sie besitzen keine eigene Möglichkeit zum Vermehren. Viren benötigen zum Vermehren eine Wirtszelle, in die sie eindringen und die sie dazu zwingen, neue Viren zu produzieren. Viren sind nicht in der Lage, die falschen Bausteine – Antibiotika – zu verwenden. Damit sind Antibiotika ohne Wirkung gegen Viren.
Die Folgen eines übertriebenen und falschen Einsatzes
Antibiotika haben Leben retten können und tun dies auch heute noch. Leider aber nimmt die Schärfe dieser Waffen immer mehr ab. Die Bakterien bilden Resistenzen!
Jede Einnahme eines Antibiotikums erhöht den Druck auf Bakterien, Resistenzen zu bilden. Aber jeder eingesparte Therapietag mit einem Antibiotikum reduziert diesen Druck. Damit dürfte auch klar sein, dass eine Therapie, die aus Gründen der Sicherheit zu lange angesetzt wird, eher von Nachteil als Vorteil für den Patienten ist.
Bis vor wenigen Jahren haben wir z.B. bei einer Lungenentzündung das Antibiotikum 10 Tage gegeben. Mittlerweile machen wir die Dauer der Therapie vom klinischen Befund abhängig. Geht es dem Patienten besser, reichen oftmals 3 Tage und den „Rest“ kann das Immunsystem „erledigen“. So können Antibiotika eingespart und die Resistenzentwicklung gebremst werden.
Nachschub von Antibiotika ist bis auf ganz wenige spezielle Ausnahmen so gut wie nicht in Sicht, alleine schon, weil sich die Entwicklung bei zu geringem Gewinn wirtschaftlich nicht lohnt. Andere Medikamente wie z. B. zur Behandlung von Hypertonie, Herzinsuffizienz oder Atemwegserkrankungen sind um ein Vielfaches lukrativer. Hinzuzufügen ist, dass der neue Effekt schnell weg ist! Die Entwicklung eines Antibiotikums dauert etwa 12 bis 14 Jahre. Aber bereits 3 bis 5 Jahre nach Neueinführung eines Antibiotikums lassen sich erste Resistenzen nachweisen.
Wo sind die Gründe für den Wirkverlust zu suchen?
Der übertriebene und leichtfertige Umgang mit Antibiotika
Schuld sind wir Ärzte, die wir immer noch nach dem Motto handeln, „hilft vielleicht, schaden tut es nicht!“ Dabei haben auch Antibiotika Nebenwirkungen, ja sogar welche, die lebensbedrohlich sein können! Schlimmer aber ist der Wirkverlust durch falschen Einsatz.
Patienten fordern ein Antibiotikum, weil sie es als Allheilmittel ansehen, vergessen dabei aber auch, dass es nur gegen Bakterien, nicht aber gegen Viren helfen kann.
Der Einsatz des falschen Antibiotikums
Beispiel: Eine eitrige Mandelentzündung wird meistens durch Streptokokken A verursacht, ein Bakterium, das immer noch gut auf Penizillin anspricht. Die Wirkung ist so bestechend, dass man einem Betroffenen am Nachmittag schon versprechen kann, „wenn Sie sofort und vor dem Zubettgehen je eine Tablette nehmen, müssten Sie bereits mit spürbarer Besserung aufwachen. Sollte dies nicht der Fall sein, kann die Diagnose nicht stimmen und Sie sollten mich erneut aufsuchen!“
Und trotzdem verwenden Kollegen oft ein Breitbandantibiotikum. Was sich im ersten Moment toll anhört, verspricht es doch wegen seines breiten Spektrums einen Treffer, d. h. eine erfolgreiche Therapie, besitzt aber eigentlich nur Nachteile:
- Antibiotika können nicht unterscheiden zwischen Gut und Böse! Sie töten alle Bakterien, die sie treffen können.
- Ein gezielter Schuss ist immer besser als Streufeuer!
- Bei jeder Therapie mit einem Antibiotikum werden auch Bakterien vernichtet, die für uns und unsere Gesundheit wichtig sind. Denkt an das gesunde Mikrobiom, das hier geschädigt wird.
Was ist das Mikrobiom?
Das Mikrobiom ist die Gesamtheit aller Mikroben, die auf unserer Körperoberfläche und in allen Körperhöhlen zu finden ist, die mit der Oberfläche in Verbindung stehen. Bekannt ist die Magen-Darm-Flora, das Darm-Mikrobiom. Aber auch die Nasen- und Mundhöhle und auch die Lunge haben ihre typische Mikrobenbesiedlung, ihr eigenes Mikrobiom.
Bakterien, einzellige Eukaryoten, Hefen, Pilze, Viren – das Darmmikrobiom beherbergt eine große Vielfalt verschiedener Mikroben. Das gesunde Zusammenspiel einer großen Vielfalt verschiedener „Kleinstlebewesen“ bestimmt das gesunde Leben!
Umgekehrt gilt eine Dysbiose – falsche Zusammensetzung des Mikrobioms – als Wegbereiter von Krankheiten.
Antibiotika und negative Auswirkungen auf das gesunde Mikrobiom
Antibiotika vernichten auch gesunde Bakterien, stören damit das lokale Mikrobiom und gefährden damit die Gesundheit.
- Bekannt ist bei Frauen die Pilzinfektion in der Scheide nach Therapie mit einem Antibiotikum. Das Antibiotikum hat das lokale Mikrobiom zerstört und das Wachstum der Pilze möglich gemacht.
- Bis zu acht Jahren lassen sich im Mikrobiom noch Veränderungen nach einmaliger Therapie mit einem Antibiotikum nachweisen.
- Menschen, die in der Kindheit oft Antibiotika bekommen haben, erkranken im späteren Leben häufiger an chronischer Darmentzündung. Selbst ein Zusammenhang mit COPD und chronischer Nasennebenhöhlenentzündung und anderen chronischen Krankheiten ist nachgewiesen.
Noch bis vor wenigen Jahren haben wir z.B. geglaubt, dass die Lunge steril ist. Allein schon eine gestörte Zusammensetzung des Míkrobioms kann somit bei einer COPD eine Exazerbation, Verschlechterung auslösen.
Ist ein Antibiotikum immer notwendig?
Wichtig zu wissen: Bei Menschen mit „gesunden“ Atemwegen sind 80% aller Infektionen durch Viren verursacht. Aber auch bei den verbleibenden 20% mit bakterieller Ursache profitieren nur wenige Patienten von einer Therapie mit einem Antibiotikum. Das haben zahlreiche Studien belegen können. Zusätzlich kann eine Therapie bei Verschlechterung immer noch ohne Gefahr auch später begonnen werden. Abwarten ist manchmal besser! Unter diesen Voraussetzungen werden Antibiotika viel häufiger eingesetzt, als es nötig und vor allem hilfreich ist!
Welche Rolle spielen Antibiotika bei der COPD?
Jede Exazerbation stellt für den Patienten mit COPD je nach Schweregrad eine unterschiedlich große Gefahr dar und muss so gut wie möglich behandelt und abgefangen werden.
Die Gabe von Kortison ist hier ein MUSS, eines Antibiotikums aber „nur“ ein VIELLEICHT!
Bei Infektionen bei Patienten mit COPD finden wir zwar bei etwa 50% Bakterien als Bösewichte, es sind aber auch bei immer noch 50% Viren als Auslöser anzuschuldigen. In 50% wäre damit der Einsatz eines Antibiotikums falsch, ohne Effekt und nur eine Gefahr.
Wie kann der Arzt die „richtige“ Entscheidung treffen
Der Nachweis von Bakterien im Labor dauert viel zu lange, so dass wir nach anderen Entscheidungshilfen suchen müssen
- Die grüne Verfärbung des Sputums ist zwar kein absoluter Beweis, ist aber in etwa 85% Hinweis auf Bakterien.
- Ein sicherer Hinweis ist das Procalcitonin im Blut. Nur dauert es bis zum Vorliegen des Ergebnisses mehrere Stunden bis zu einem Tag.
- Schneller, aber etwas unsicherer ist das CRP. Von Nachteil ist allerdings, dass es auch bei anderen Entzündungen erhöht ist. Ist der Wert aber normal, kann es kein bakterieller Infekt sein, denn bei Viren steigt er nicht an.
Der Wert für das CRP kann in wenigen Minuten in der Praxis ermittelt werden.
Die Kunst, das richtige Antibiotikum zu wählen
Antibiotikum ist nicht gleich Antibiotikum. Jedes Antibiotikum hat sein Wirkspektrum. Helfen kann ein Antibiotikum nur, wenn das Wirkspektrum den „Übeltäter“, Auslöser der Infektion, beinhaltet.
Bei den meisten Infektionen finden wir immer wieder dieselben Übeltäter, so dass wir auf eine Sputumanalyse verzichten und das geeignete Antibiotikum nach Erfahrung auswählen und mit großer Wahrscheinlichkeit eine erfolgreiche Therapie starten können.
Bei der COPD kommt noch eine Besonderheit zur Geltung, die die Auswahl des richtigen Antibiotikums erleichtert. Mit zunehmender Verschlechterung der Lungenfunktion ändert sich das Spektrum der möglichen Erreger. So kann die Kenntnis der Lungenfunktionsergebnisse zur korrekten Auswahl verhelfen. Für die Therapie mit einem Antibiotikum gilt auch bei der COPD:
So oft wie nötig,
aber so selten wie möglich,
wenn, dann
das richtige Antibiotikum
in der korrekten Dosis und
möglichst kurzen Dauer!
Nur auf diese Weise können wir uns eine wichtige Waffe noch länger bewahren!







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