Kortison und Antibiotika bei COPD und anderen chronischen Atemwegserkrankungen

Wer sich mit chronischen Atemwegserkrankungen beschäftigt, wird immer wieder über diese zwei „Medikamente“, Kortison und Antibiotika stolpern. Deswegen soll in diesem Beitrag das Kortison besprochen werden und im kommenden Beitrag gehe ich auf Antibiotika ein.
 | 14.07.2026

Was ist Kortison?

Kortison ist ein Hormon, das in den zwei Nebennieren, genauer den Rinden der Nebenniere gebildet wird, die wie kleine Hütchen auf den Nieren sitzen.

Unter dem Namen Kortison werden alle unterschiedlichen Kortisone zusammengefasst, die in der Nebenniere gebildet werden. Täglich werden etwa 25-30 mg „Kortison“ gebildet.

Welche Wirkung hat Kortison im Körper?

Kortison ist ein lebenswichtiges Hormon, das auf viele Funktionen Einfluss hat. Ohne Kortison kann der Mensch z.B. keinen Stress aushalten und bewältigen.

Die verschiedenen Kortisone haben u.a. Einfluss auf:

  • den Kohlenhydrat- und Eiweißstoffwechsel
  • regeln den Mineralhaushalt
  • die Bildung von Magensäure,
  • verstärken die Herztätigkeit und 
  • intensivieren auch die Wirkung der Aufmerksamkeitshormone – Adrenalin – und vieles andere mehr.

Wie wird die Kortisonproduktion im Körper gesteuert?

Die Menge des Hormons wird nach Bedarf produziert. Vereinfacht formuliert, wird in unserer Schaltzentrale, dem Gehirn, die Konzentration von Kortison im Blut gemessen. Wird die Konzentration als ausreichend bemessen, geschieht nichts. Ist der Bedarf größer, wird in der Hirnanhangdrüse ein Hormon, das ACTH – AdrenoCorticotropes Hormon – ins Blut abgegeben. ACTH ist ein Boten-Hormon, das die Nebennieren zur Kortisonproduktion anregt.

Auf diese Weise wird die Produktion von Kortison an den Bedarf angepasst, fein reguliert. Dieser Regelkreis ist von besonderer Bedeutung, wenn wir Kortison als Medikament zuführen. Wird dem Körper Kortison zugeführt, wird dieses in die Bedarfsbemessung einbezogen. Wird mehr Kortison gegeben, als dem Tagesbedarf entspricht, wird die körpereigene Produktion gestoppt, kein ACTH mehr gebildet. Sinkt die Menge des Kortisons im Blut wieder ab, wird ab einer Untergrenze wieder ACTH abgegeben und der Körper kurbelt seine eigene Produktion wieder an.

Welche Nebenwirkungen kann Kortison verursachen?

Mit höheren Konzentrationen von Kortison wird die natürliche Wirkung gesteigert, was dann Auswirkungen auf den Zuckerstoffwechsel – Vorsicht Diabetes –, den Blutdruck, den Eiweißstoffwechsel, aber auch den Mineralhaushalt haben kann. Weitere Folgen können sein:

  • Magengeschwür
  • gestörte Wundheilung
  • Erhöhung des Augeninnendruckes (Grüner Star)
  • Knochenentkalkung (Osteoporose) 
  • und bei entsprechender Bereitschaft auch Trübung der Augenlinse (Grauer Star) sein. 

Die Infektabwehr kann gestört sein, was sich dann auch negativ auf einen Erfolg von Impfungen auswirken kann. Eine natürliche Überproduktion gibt es in seltenen Fällen bei einigen Krankheiten.

Kortison als Medikament – worauf kommt es an?

Bei der Verwendung von Kortison als Medikament müssen die Probleme höherer Konzentrationen aber auch der Regelkreis beachtet werden.

Bei der Therapie mit Kortison hängt das Risiko von der Sorte des verwendeten Kortisons, d.h. dessen „Wirkpotenz“, Dosis und Dauer der Wirkung der speziellen Substanz sowie von der Dauer der Anwendung ab. Selbstverständlich nimmt das Risiko der Behandlung auch mit steigender Dosis zu.

Welche Rolle spielt die Art der Anwendung?

Das Risiko von Nebenwirkungen ist somit beim Kortison zur Inhalation wegen der gezielten Deposition und der geringen erforderlichen Dosis am geringsten und nimmt über Tabletten zu den Injektionen zu. Das größte Risiko ist mit Depot-Spritzen – in den Muskel = intramuskulär – verbunden. Diese Anwendung sollte es heute nicht mehr geben, weil die Gefahren zu groß und es bessere Möglichkeiten der Therapie gibt.

Wann wird eine längere Kortisontherapie problematisch?

Bei kurzer Therapie ist das Alles ohne besondere Bedeutung. Problematisch kann eine Therapie mit Kortison aber werden, wenn die Therapie mit einer höheren Dosis über einen längeren Zeitraum erfolgt. Unter diesen Bedingungen kann das Körpergewicht zunehmen, sich ein so genannter Stiernacken und ein Mondgesicht entwickeln und können die o.g. Nebenwirkungen auftreten.

Bei einer Langzeittherapie muss vor allem der geschilderte Regelungsmechanismus für Kortison beachtet werden. Die körpereigene Produktion und damit die feine Regelung von Bedarf und Produktion ist möglicherweise gefährdet.

Soll die Therapie beendet werden, kann das bei einer Therapie bis etwa vier Wochen Dauer gefahrlos abrupt erfolgen. Bei einer längeren Gabe muss dagegen die körpereigene Produktion durch ganz langsame Reduktion der Dosis über einen längeren Zeitraum vorsichtig wieder angeregt werden.

In extrem seltenen Fällen und bei Verwendung hoher Dosen eines hoch potenten Kortisons über einen großen Zeitraum gelingt das manchmal nicht. Dann ist die Nebenniere nicht mehr in der Lage, die Produktion wieder aufzunehmen (Nebenniereninsuffizienz). In Zukunft muss der Bedarf dann künstlich durch regelmäßige Gabe von Kortison dauerhaft gedeckt werden.

Aber keine Angst, bei Verwendung des richtigen Kortisons, vor allem einem Kortison zur Inhalation und korrekter Anwendung sind Nebenwirkungen kaum und ist eine Nebenniereninsuffizienz nicht zu befürchten.

Warum ist Kortison ein wertvolles Medikament? 

Kortison besitzt starke antiinflammatorische – antientzündliche – Eigenschaften, das es zu einem effektiven Therapeutikum bei bestimmten Entzündungen macht, so besonders bei Asthma und mit Einschränkung auch bei bestimmten Formen der COPD.

Wichtig zu wissen: Kortison besitzt keine Sofortwirkung. Es muss regelmäßig zugeführt, am besten inhaliert werden.

Denken Sie in diesem Moment an ein Feuer. Wenn die Feuerwehr die Schläuche angeschlossen und den Wasserhahn geöffnet hat, ist das Feuer nicht sofort gelöscht. Das dauert eine gewisse Zeit. 

Auch wenn „endlich“ die maximale Wirkung erreicht ist, muss die Behandlung fortgesetzt werden, sonst flackert das Feuer wieder auf.

Wie wird Kortison angewendet?

Bei Asthma und COPD wird es vorzugsweise zur Inhalation verwendet, seltener als Tabletten und im Notfall auch mal gespritzt.

Kortison bei COPD: Wann ist die Behandlung sinnvoll?

Es ist äußerst wichtig zu wissen: Kortison hat keinen Einfluss auf die Entzündung, die wir bei der COPD finden und damit auch wenig (s.u.) Einfluss auf den Verlauf. Deswegen kann es auch nur bei einigen, nicht allen Patienten hilfreich sein!

Kortison zur Vorbeugung von COPD-Exzerbationen

Kortison kann die Häufigkeit von Exazerbationen (Verschlechterung) reduzieren. Die Bedrohlichkeit von Exazerbationen ruft nach einer Reduktion dieses Risikos. Bereits mit den zwei Bronchodilatatoren – Muskarinantagonisten und Beta-Agonisten – lässt sich das Risiko bereits ausreichend senken.

Ausschließlich wenn unter dieser „Dualen Therapie“ – Zweiertherapie mit Bronchodilatatoren – trotzdem noch Exazerbationen auftreten, kann ein Versuch mit Kortison zur Inhalation gestartet werden. Dieser Versuch sollte aber innerhalb von 6 bis maximal 12 Monaten wieder beendet werden, wenn sich in dieser Zeit kein Effekt gezeigt hat. Dann drohen nämlich nur Nebenwirkungen.

An der Zahl der „eosinophilen weißen Blutkörperchen“ im Blut lässt sich die Wahrscheinlichkeit eines Erfolges in etwa kalkulieren. Übersteigt deren Zahl bei wiederholten Messungen eine bestimmte Grenze, kann (!) die Inhalation von Kortison mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit zum Erfolg führen. Eine sichere Vorhersage bietet die Zahl der Eosinophilen leider aber nicht! 

Gut zu wissen: Es gibt eine Reihe von Ursachen, die die Zahl der „Eosinophilen“ anhebt. Es bleibt demnach eine gewisse Unsicherheit bei der Kalkulation mit diesen Zellen im Blut.

Kortison-Tabletten bei akuter COPD-Exazerbation

Es gibt nur eine Indikation, wo Kortison bei der COPD zum absoluten Muss wird, die akute Verschlechterung! Zum Zeitpunkt einer Exazerbation finden wir vorübergehend eine eosinophile Entzündung, die sich gut mit Kortison behandeln lässt. Damit kann die Verschlechterung abgefangen, der Verlauf gemildert und der bleibende Schaden verkleinert werden. Meistens reichen 50 mg eines bestimmten Kortisons für 5 Tage vollkommen aus. Diese Behandlung kann problemlos sofort beendet werden, ohne den Regelkreis zu stören.

Wichtig zu wissen: eine deutlich längere Therapie mit Kortison in Tabletten macht keinen Sinn, besitzt keinen Effekt! Die eosinophile Entzündung ist schnell wieder verschwunden. Und dann besitzt das Kortison keinen Effekt mehr, kann jetzt nur noch Nebenwirkungen verursachen!

Wann wird Kortison bei der COPD mehr schaden als nutzen? 

Immer dann, wenn Kortison ohne Indikation, d.h. ohne medizinischen Grund (s.o.) eingesetzt wird, drohen nur unerwünschte Wirkungen.

Kortison wird ohne Grund zur Inhalation eingesetzt

Wird Kortison zur Inhalation bei der COPD eingesetzt, ohne dass Exazerbationen den Einsatz begründen, sollte es abgesetzt werden.

Immerhin erleiden nur etwa 30% aller Betroffenen mit COPD häufig Exazerbationen, von denen wiederum nur einige Wenige trotz der „Dualen Therapie“ (s.o.) noch Exazerbationen erleiden. Bei deutlich mehr als 70% aller Patienten mit COPD hat Kortison zur Inhalation somit keinen Effekt.

Mögliche Nebenwirkungen bei Inhalation von Kortison

Patienten, die die Kriterien eines Einsatzes (s.o.) nicht erfüllen, haben keinen Effekt zu erwarten, sondern nur Probleme:

  • Patienten erleiden unter Kortison zur Inhalation häufiger Lungenentzündungen und Infektionen mit speziellen Krankheitserregern

Zusätzlich drohen die allgemeinen Gefahren einer Inhalation von Kortison:

  • Pilzinfektion, in seltenen Fällen kommt es zu einer Pilzinfektion in Mund und auch Speiseröhre

Gut zu wissen: Bei sachgerechter Anwendung besteht fast keine Gefahr!

Pilzinfektionen im Mund- und Rachenraum

Wie kann die Gefahr einer Mundpilzinfektion gebannt werden?

  • Korrekt inhalieren, am besten vor den Mahlzeiten. Im Mund befindliche Reste des Kortisons werden mit Nahrung und Speichel aus dem Mund beseitigt und gelangen mit der Nahrung in den Magen, wo sie inaktiviert werden.
  • Eine Mundspülung mit Wasser ist nur bedingt sinnvoll, weil das Kortison nicht wasserlöslich ist.
  • Abzuraten ist von Mundspülungen mit Mundspüllösungen. Was gut gemeint ist, reizt bei regelmäßiger Anwendung die Schleimhaut und macht sie anfällig für viele Störungen.

Gut zu wissen: Bei Auftreten und Behandeln einer Mund-Pilzinfektion muss die Inhalation eines Kortisons nicht unterbrochen, sondern kann fortgesetzt werden. Das hat keinen nachteiligen Effekt auf den Mundsoor. Eine Verschlechterung der Krankheit muss nicht riskiert werden.

Heiserkeit und belegte Stimme (Dysphonie)

Tritt eine Dysphonie auf, ist das Beleg dafür, dass Anteile des Inhalates zu Veränderungen im Bereich der Stimmbänder geführt haben. Diese harmlose Nebenwirkung verschwindet umgehend wieder nach Absetzen, Wechsel des Präparates oder kann durch Inhalation über einen Spacer – Vorschaltkammer – weitestgehend verhindert werden.

Weitere mögliche Nebenwirkungen von Kortison

  • Entwicklung oder Verschlechterungen eines Diabetes – Zuckerkrankheit.
  • Osteoporose – Knochenentkalkung
    Ob diese Nebenwirkung wirklich durch das Kortison oder durch mangelnde körperliche Betätigung oder allgemeinen Abbau oder durch alle genannten Ursachen verursacht wird, ist nicht sicher geklärt. Auf jeden Fall kann mit regelmäßiger Betätigung und Muskelaufbau der Osteoporose entgegengewirkt werden. Eine Teilnahme am Lungensport ist immer ratsam.
  • Grauer Star – Katarakt
    Bei hoch dosierter Gabe eines Kortisons zur Inhalation über einen längeren Zeitraum ist die Gefahr für die Entwicklung eines Grauen Stars erhöht.
  • Systemische Wirkung
    Nur ein verschwindend geringer Teil der inhalierten Substanzmenge wird von der Schleimhaut „aufgesogen“ und kann im Körper eine Wirkung entfalten.
  • Hautschaden
    Bei regelmäßigem und langjährigem Gebrauch auch eines Kortisons zur Inhalation kann es zur „Geldscheinhaut“, einer dünnen, knitterigen und verletzlichen Haut kommen, die zum Einreißen mit Blutungen und Blutergüssen neigt.

Gut zu wissen: Eine Geldscheinhaut kann auch nach intensivem Rauchen und allgemein im Alter auftreten.

Fazit:

Kortison, richtig eingesetzt, kann helfen und auch Leben retten. Ohne triftigen Grund eingesetzt, kann es dagegen nur Nebenwirkungen verursachen.

Diese Informationen, ausführlicher dargestellt, und viele weitere Informationen rund um Lunge, Atmung, Asthma und COPD, deren Diagnose und Therapie können Sie ab Herbst in meinem Ratgeber „Besser leben mit Asthma und COPD“ – NZ-Verlag lesen.
Erscheinungstermin im Oktober 2026

Unsere Buchtipps auf LEICHTER-ATMEN

Dr. med. Thomas Hausen

Über den Autor

Dr. Thomas Hausen

Arzt für Allgemeinmedizin und Sportmedizin

Dr. med. Thomas Hausen war über 30 Jahre lang als Arzt für Allgemein- und Sportmedizin in Essen-Werden tätig. Er publizierte zahlreiche Artikel, Bücher und Fortbildungsbeiträge zu chirurgischen und internistischen Themen, insbesondere zu Asthma, COPD, Atemwegsinfektionen und Inhalationstherapie. Heute bringt er seine Erfahrung weiterhin in Fachkreisen, Fortbildungen und wissenschaftlichen Projekte ein.

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