Monika Tempel

Kopfsache

Bewältigungsstrategien für Lungenpatienten

Um die mutige und selbstbewusste Bewältigung von chronischen Lungenkrankheiten geht es in diesem Blog. Dazu motiviert die Ärztin Monika Tempel Patienten und Angehörige mit gesundheitsfördernden Methoden.

COPD und Depression: Diese Warnzeichen und Hintergründe sollten Sie kennen

Müdigkeit, schnelle Erschöpfung und Antriebsmangel sind typische Symptome bei COPD, Depression und Fatigue. Wie lassen sich die Krankheiten unterscheiden und was können Sie tun?

Auf den ersten Blick wirkt es doch sonnenklar: Wer plötzlich keine Luft bekommt, entwickelt Angst – wer dauerhaft keine Luft bekommt, wird depressiv! Oder?

So einfach scheinen die Dinge jedoch nicht zu liegen. Es ist zum Beispiel keineswegs klar, was „Henne und was Ei“ ist: die COPD oder die Depression. Auch die Zuordnung bestimmter Symptome zur chronischen Lungenerkrankung oder zur psychischen Störung gelingt mitunter nicht eindeutig.

Es lohnt deshalb, nach Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Thema „COPD und Depression“ zu suchen.

1. Welche Warnzeichen einer Depression sollten Sie kennen?

Manchmal bemerken es die Patienten selbst – häufiger fällt es den Angehörigen auf:

  • das fehlende Leuchten in den Augen
  • die überwältigende Erschöpfung
  • der fehlende Antrieb
  • das vernachlässigte Erscheinungsbild
  • der Konzentrationsmangel
  • der Rückzug von geselligen Aktivitäten
  • die Überempfindlichkeit und das Weinen ohne Anlass
  • die dauernde Anspannung
  • die Reizbarkeit
  • die Unnahbarkeit
  • vermehrter Alkoholkonsum
  • Schuldgefühle und Fluchtgedanken

Diese Warnzeichen sollten Sie kennen und ernstnehmen. „Wie schön wäre es, nicht mehr da zu sein.“ – Solch trübe Gedanken dürfen nicht übergangen werden. Manchmal wirkt das Aussprechen-Dürfen bereits entlastend. Falls nicht, sollte spätestens bei wiederholt geäußerter Lebensmüdigkeit eine fachliche Abklärung erfolgen.

2. Wie können Sie eine Depression erkennen?

Antriebsmangel am Morgen, Druckgefühl auf der Brust, keine Lust auf körperliche Aktivität: Viele COPD-Patienten kennen das. Wer denkt bei diesen Symptomen an eine Depression? Meist wird der Blick erst dann in Richtung Psyche gelenkt, wenn die Lungenfunktion stabil geblieben ist und auch die sonstigen Untersuchungen keinen Hinweis auf eine Verschlimmerung der COPD liefern.

Damit Sie eine depressive Störung ausschließen können, helfen die Antworten auf zwei einfache Fragen:

  • Fühlten Sie sich im letzten Monat häufig niedergeschlagen, traurig, bedrückt oder hoffnungslos?
  • Hatten Sie im letzten Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gerne tun?

Wenn beide Fragen mit „JA“ beantwortet werden, sollte eine eingehende Untersuchung in Richtung Depression erfolgen – wenn möglich durch eine psychosomatisch geschulte Fachkraft.

3. Worin unterscheiden sich COPD, Fatigue und Depression?

Eine klare Unterscheidung wird nicht immer gelingen. Grundsätzlich gilt:

  • Kurzatmigkeit und Erschöpfung durch körperliche Belastung eher bei COPD
  • Körperliches Schwere- und Erschöpfungsgefühl mit und ohne körperliche Belastung eher bei Fatigue (Erschöpfungssyndrom)
  • Antriebsmangel mit Besserung durch körperliche Aktivität eher bei Depression

Diese Hinweise sind im Einzelfall genauer zu untersuchen und weiter abzuklären.

4. Welche Rolle spielt körperliches Schonverhalten bei COPD?

Schonverhalten aufgrund einer Erkrankung wird in der Psychologie als "sickness behavior" bezeichnet. Auslöser sind wahrscheinlich Entzündungs-Botenstoffe.

Typische Merkmale von körperlichem Schonverhalten können sein:

  • Lustlosigkeit
  • sozialer Rückzug
  • Appetitmangel
  • Lethargie

Diese Symptome sind in gleichem Maße typisch für eine COPD-Exazerbation wie eine depressive Störung. Lässt sich hier vielleicht – über das "sickness behavior" – ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Exazerbationen und einer häufig gleichzeitig auftretenden Depression herstellen?

5. Wie hängen Krankheitsschübe und Depressionen zusammen?

Laut neuerer Studien erhöhen sowohl akute Verschlechterungen (Exazerbationen) wie auch das allmähliche Fortschreiten der COPD das Risiko für Depressionen. Bei häufigen Krankheitsschüben in einem fortgeschrittenen COPD-Stadium sollten Sie also besonders aufmerksam auf depressive Symptome achten.

6. Welche Rolle spielen COPD-bedingte Verluste?

Patienten, die schon vor der COPD-Erkrankung eine oder mehrere depressive Phasen durchlitten haben, sollten ein besonderes Augenmerk auf depressive Symptome richten. Studien weisen nämlich nach, dass diese Menschen durch die COPD-bedingten Verluste stark gefährdet für einen Rückfall in die Depression sind.

COPD-bedingte Verluste sind beispielsweise

  • der Verlust der körperlichen Belastbarkeit,
  • der Verlust von Mobilität oder
  • der Verlust von sozialen Kontakten.

Verluste machen verständlicherweise traurig. Traurigkeit und Depressionen unterscheiden sich jedoch fundamental. Während der traurige COPD-Patient sich nach seinem „gesunden“ Leben zurücksehnt, gibt es für den Depressiven nichts, was Sehnsucht lohnen würde. In einer Depression verliert alles seinen Wert: die eigene Person, Umwelt und Beziehungen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Gerade bei Patienten, die bereits vor der COPD an einer Depression gelitten haben, gilt: Eine antidepressive Medikation oder eine Psychotherapie sollten fortgeführt oder bei Anzeichen für eine psychische Krise erneut eingeleitet werden.

7. Wie können Sie einer depressiven Reaktion auf die COPD vorbeugen?

Nicht immer reicht die Widerstandskraft (Resilienz) eines bisher psychisch gesunden Menschen aus, um im Verlauf einer chronischen Lungenerkrankung das Abgleiten in eine Depression zu verhindern. Aber Sie können einiges tun, um möglichst stabil zu bleiben.

Die Akzeptanz der Krankheit ist die beste Vorbeugung. Es ist wichtig, nicht an vergeblichen Lösungsversuchen festzuhalten, sondern stattdessen neue Fertigkeiten aufzubauen oder neue Kraftquellen zu entdecken.

8. Wo finden Sie professionelle Hilfe bei depressiven Störungen?

Wenn Sie sich einem Hausarzt oder Lungenfacharzt anvertrauen und dieser den Verdacht auf eine depressive Störung äußert, beginnt die Suche nach Hilfe für die Psyche.

Folgende Angebote stehen zur Auswahl:

  • Psychosoziale Berater
  • Psychologen (Psychologische Psychotherapeuten)
  • Fachärzte für Psychosomatische Medizin/Psychotherapeutische Medizin
  • Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie
  • Ärzte für Komplementäre Medizin (TCM, Naturheilkunde, etc…)

Ob evidenzbasierte medikamentöse Therapie oder komplementäre Medizin, ob Gesprächs- oder Verhaltenstherapie, ob Entspannungsverfahren, kreative Therapie oder Körper- und Bewegungstherapie, ob Lichttherapie oder Schlafentzug – es gibt inzwischen viele, viele Wege der Depressionstherapie.

Zögern Sie also bei depressiven Störungen nicht, ein für Sie persönlich passendes und geeignetes Angebot aus dieser Palette zu wählen – damit die düstere Wolke der Depression nicht dauerhaft die Tage verdunkelt!

Merkzettel für die Kühlschranktür

Der „Merkzettel für die Kühlschranktür“ empfiehlt diesmal drei Schritte für den „Weg aus der Depression“. Die Anleitung (in Anlehnung an M. und A. Johnstone) finden Sie hier zum Ausdrucken:

Weg mit der Depression

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Kommentare:

Kommentar von leichter-atmen Team |

Keine leichte Aufgabe, liebe Marion!

Sicherlich ist es eine gute Idee, den behandelnden Arzt zu Rate zu ziehen und sich zusätzlich von einem Fachverband beraten zu lassen. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet Angehörigen zum Beispiel viele Infos zum Umgang mit Betroffenen sowie eine telefonische Beratung an.

Alles Gute für dich und deine Mutter!

Kommentar von Marion Junklewitz |

Sehr geehrte Frau Tempel,
vielen Dank für Ihren Beitrag. Genau diese Punkte beobachte ich seit Wochen bei meiner Mutter. Welche Vorgehensweise können Sie mir empfehlen, um meiner Mutter zu helfen, die Depression zu behandeln. Meine Mutter selber merkt ihre Depression nicht und sie meint alles wäre in Ordnung.
Mit freundlichen Grüßen,
Marion Junklewitz

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