Was Lungenpatienten „gesunden“ Menschen jetzt voraus haben

Sie gehören mit Asthma oder COPD zur Risikogruppe? Dann nutzen Sie Ihre Erfahrungen als Lungenpatient, um gut durch die Corona-Krise zu kommen – eine Anleitung.
 | 21.04.2020

Keine Frage: Als Patient mit einer chronischen Lungenerkrankung sind Sie durch COVID-19 besonders gefährdet. Kein Wunder also, wenn Sie sich angesichts dieses Szenarios erschrocken fragen: „Wie komme ich als Risiko-Patient heil durch die Corona-Pandemie?“

Dennoch: Bestimmte Erfahrungen, die Sie als Lungenpatient mitbringen, helfen Ihnen in der aktuellen Krise weiter. Dafür möchte ich in diesem Beitrag einen Perspektivenwechsel mit Ihnen vornehmen.

Vorneweg allerdings die ausdrückliche Empfehlung: Beachten Sie alle Hinweise der zuständigen medizinischen Experten für den Schutz von besonders gefährdeten Personengruppen! Nur, wenn Sie diese Vorsichtsmaßnahmen akzeptieren und umsetzen, haben Sie eine Chance, mit dem folgenden Perspektivenwechsel „doppelt geschützt“ durch die Corona-Krise zu kommen.

So werden Sie zum „Power-Patienten“!

Manche Botschaften werden eindringlicher, wenn man ihre Aussage zuspitzt. Meine zugespitzte These zur Corona-Krise lautet:

Chronische Lungenpatienten sind in der Corona-Krise gegenüber „Gesunden“ klar im Vorteil, wenn sie zum „Power-Patient“ werden.

Eine gewagte These? Vielleicht wird sie durch die folgende Tabelle bereits etwas anschaulicher.

„Gesunder“„Power-Patient“
Everything goes!-MentalitätKrisen-Kompetenz
Kontroll-WahnUngewissheits-Toleranz
Virtuelle Community Netzwerk-Orientierung
Mobilitäts-DogmaErfahrung mit eingeschränktem Bewegungsspielraum
Körper als MaschineVielschichtiges Krankheitskonzept
„Generation Schneeflocke“Resilienz

Klar, in dieser schematischen Gegenüberstellung ist der „Gesunde“ ein Klischee und der „Power-Patient“ ein Idealtypus. Aber der Kontrast liefert vielleicht den Anstoß, sich als Patient (mit COPD, Asthma oder einer sonstigen chronischen Lungenerkrankung) in der Corona-Krise als kompetent und selbstwirksam zu erleben – mit einem Vorsprung vor den bisher „Gesunden“.

Auf welche Kompetenzen also sollten Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen jetzt zurückgreifen?

1. Krisen-Kompetenz

Der ideale „Power-Patient“ hat Erfahrung mit Krisen:

  • mit dem unberechenbaren Wechsel von „guten Tagen und schlechten Tagen“
  • mit Notfall-Situationen wie Exazerbation und Panik-Attacke

Er wendet seine Krisen-Bewältigungsstrategien (= Coping) entsprechend an:

  • „Das unkontrollierbare Auf und Ab liegt nicht in meinem Einflussbereich. Deshalb nehme ich jeden Tag, wie er kommt, und passe meine Pläne klug an.“
  • „Ich habe einen Notfall-Plan für die Lunge und für die Psyche. Den kombinierten Notfall-Plan bringe ich mit meinen Angehörigen stets auf den neuesten Stand und spiele ihn – in entspannten Situationen – immer mal wieder durch.“

Einen Notfall-Plan für die Lunge kennen die meisten Lungen-Patienten. Gemeinsam mit Ihren Angehörigen können Sie zudem einen Notfall-Plan für die Psyche erarbeiten – z. B. nach dem folgenden Schema:

Was meistens geschieht, bevor ich in eine Notfall-Situation (Atemnot, Panik-Attacke) komme:Was ich dann tun kann:Wer mich dabei unterstützen kann:
Wie ich mich fühle, wenn die Notfall-Erfahrung schlimmer wird:Was ich dann tun kann:Wer mich dabei unterstützen kann:
Wie ich im Notfall auf die Anwesenheit von Angehörigen reagiere:Was ich dann tun kann:Was die anderen dann tun können:
Wie ich auf die Hilfe von Arzt/Rettungsdienst/Klinik reagiere:Was bedeutet das für mich?Was bedeutet das für meine Angehörigen?
Wie ich mich im Notfall (bei Atemnot, bei Panik-Attacken) am besten selbst beruhigen kann:Was bedeutet das für mich?Wer kann mich dabei unterstützen?

2. Ungewissheits-Toleranz

Der ideale „Power-Patient“ hat Erfahrung mit Ungewissheit:

  • mit der Angst vor überraschenden Verschlechterungen trotz optimaler Therapie
  • mit Zukunftssorgen vor dem unberechenbaren Verlauf in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten,…

Er wendet seine Bewältigungsstrategien für den Umgang mit Ungewissheit bei Bedarf klug an. Das gelingt umso besser, je bewusster er sich mit seiner zentralen Angst auseinandergesetzt hat – z. B. durch die Übung „10 Kompetenz-Schritte für einen besseren Umgang mit Ungewissheit“.

Die einzelnen Schritte dieser Übung finden Sie zum Ausdrucken auf dem „Merkzettel für die Kühlschranktür“.

3. Netzwerk-Orientierung

Der ideale „Power-Patient“ hat sich im Laufe seiner chronischen Lungenerkrankung ein äußeres und inneres Gesundheitsteam aufgebaut, das ihn auch verlässlich durch die Corona-Krise trägt.

Wer sich noch einmal intensiver mit dem äußeren und inneren Gesundheitsteam befassen möchte, kann das in dem Blogpost „Mein Gesundheitsteam für mutige Entscheidungen“ tun.

4. Erfahrung mit eingeschränktem Bewegungsspielraum

Der ideale „Power-Patient“ hat Erfahrung mit dem Verlust der Bewegungsfreiheit und mit den Hintergründen für die Empfehlung zum „Abstandhalten“.

Er praktiziert tagtäglich seine diesbezüglichen Bewältigungsstrategien:

a. „Ich bleibe nach außen und nach innen auf vielfältigen Wegen in Kontakt mit meinen Kraftquellen.“

  • Nach außen – durch moderne Kommunikationsmittel
  • Nach innen – durch meine Vorstellungskraft (= Imagination), z. B. durch eine Wohlfühl-Imagination

b. „Ich gehe selbstbewusst mit der Abhängigkeit von Hilfsmitteln um, z. B. mit der Langzeit-Sauerstofftherapie (LTOT) oder mit dem Mund-Nasen-Schutz in der Erkältungssaison.“

5. Vielschichtiges Krankheitskonzept

Der ideale „Power-Patient“ hat sich im Verlauf seiner chronischen Lungenerkrankung von einem einseitigen Krankheitsverständnis gelöst. Viele „Gesunde“ betrachten (bewusst oder unbewusst) den Körper als komplexe Maschine. Krankheit verstehen sie dementsprechend als „Maschinenschaden“, den die Medizin irgendwie reparieren kann.

Ein „Power-Patient“ weiß aus Erfahrung, dass Krankheit alle Dimensionen seiner Existenz betrifft:

  • die körperliche Dimension
  • die psychische Dimension
  • die soziale Dimension
  • die spirituelle Dimension

Auf dieser Basis sorgt er dafür, dass im Krisenfall alle Dimensionen berücksichtigt werden und dass Kraftquellen aus allen Dimensionen zur Lösung beitragen.

6. Resilienz (= psychische Widerstandskraft)

Der ideale „Power-Patient“ hat durch viele verschiedene Herausforderungen im Verlauf seiner Erkrankung psychische Widerstandskraft entwickelt. Er kennt daher die sieben Schlüssel der Resilienz und wendet sie bei Bedarf an:

  • „So ist es also. Es gefällt mir nicht – aber es ist so!“
  • „Schluß mit dem Gejammer. Es ist schwer, aber ich gehe es jetzt an!“
  • „Irgendwie werde ich es schaffen!“
  • „Was ich nicht alleine schaffe, das schaffe ich mit anderen!“
  • „Was genau wird mir helfen, dieses Problem zu lösen?“
  • „Ich entscheide mich jetzt so. Wenn es in die Hose geht, kann ich daraus lernen und es beim nächsten Mal anders machen!“
  • „Die Richtung stimmt. Da geht es jetzt lang!“

Auf die Plätze, fertig, los…!

„Schön und gut: Aber das ist eher Wunsch als Wirklichkeit!“, wenden Sie, liebe Leser, an dieser Stelle möglicherweise ein.

Ich spiele den Ball zurück: Wann, wenn nicht jetzt – angesichts der Corona-Krise – haben Sie die Chance, sich in Richtung „Power-Patient“ zu entwickeln?

Merkzettel für die Kühlschranktür

Zukunftssorgen sind in der Regel vor allem deshalb so bedrückend, weil sie diffus und im Ungefähren bleiben. Ein wichtiger erster Schritt zur Beruhigung ist die Bereitschaft, sich die größte Angst genauer anzuschauen. Dazu können Sie die folgende Übung nutzen:

10 Kompetenz-Schritte für einen besseren Umgang mit Ungewissheit

DIESEN ARTIKEL TEILEN:

Hier haben Sie die Möglichkeit, einen Kommentar zu hinterlassen und/oder eine Frage zu stellen. Bitte beachten Sie dabei unsere Richtlinien für Kommentare.

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
21 Kommentare
Inline Feedbacks
View all comments
Eckhard Schlarb
1 Monat zuvor

Sehr geehrte Frau Dr. Tempel, sehr herzlichen Dank für Ihr Engagement! Lunge und Psyche: die Zusammenhänge sind mir selbst seit langem bewusst, fanden bislang jedoch kaum ärztliche Bestätigung. Ich lebe seit vielen Jahren mit einer leichten Lungenfibrose, die jedoch langsam Fortschritte macht. Jahrgang 1951, selbstvermarktender Winzer mit Steilhangweinbergen, war die Leistungsgrenze recht hoch. Das hat sich in den letzten 15 Jahren kontinuierlich massiv verändert. Nun finde ich mich als Fibrose Patient in keiner „Zustandsbeschreibung“ oder Therapieempfehlung wieder. Der beobachtende Lungenarzt rät mir lediglich zu „weitermachen“ so wie es geht. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich mich um mein Selbst, selbst kümmern muss. Haben Sie Hinweise für mich? Für eine Nachricht wäre ich sehr dankbar. Mit freundlichen Grüßen E.S.

Abonnieren Sie unseren
LEICHTER ATMEN Newsletter

Tipps und Infos für gesunde Atemwege!

  • für alle, die besser atmen wollen
  • kostenlos und bequem per E-Mail
  • kompakt einmal im Monat

Informationen zur Anmeldung erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.

FOLGEN SIE UNS: