Monika Tempel

Kopfsache

Bewältigungsstrategien für Lungenpatienten

Um die mutige und selbstbewusste Bewältigung von chronischen Lungenkrankheiten geht es in diesem Blog. Dazu motiviert die Ärztin Monika Tempel Patienten und Angehörige mit gesundheitsfördernden Methoden.

Das „Atemnot-Monster“ zähmen

Ein angemessener Umgang mit Atemnot-Ängsten ist mitentscheidend für die Krankheitsbewältigung. Dabei kommt es auf eine Frage an: Habe ich Angst – oder hat die Angst mich? Die Psychopneumologie weiß hier zu helfen!

Patienten mit Asthma oder COPD beschreiben ihre Angst bei Atemnot gelegentlich als „Monster“. An diesem Ungetüm würden sie sich gerne vorbeimogeln. Leider gelingt das oft nicht. Die Psychopneumologie liefert zu diesem Thema interessante neue Ansatzpunkte.

Begeben Sie sich also mit mir auf eine kleine „Forschungsreise ins Land der Atemnot-Monster“ - Sie werden staunen!

Bevor es losgeht, möchte ich jedoch ein paar grundlegende Fakten klären:

  • Angst bei körperlichen Erkrankungen ist begründet und nachvollziehbar.
  • Bei chronischen Lungenerkrankungen (z. B. COPD und Asthma) spielen Atemnot-Ängste eine zentrale Rolle.
  • Atemnot-Ängste haben Einfluß auf das Erleben und den Verlauf der Krankheit.

Atemnot vorbeugen

1. Auslöse-Situationen erkennen

Manchmal fühlen sich COPD-Patienten von der Atemnot regelrecht überfallen. Bei genauerem Hinsehen lassen sich jedoch oft Auslöse-Situationen erahnen:

  • „Mein Motto war immer: schnell, schnell! Wenn ich morgens möglichst rasch fertig werden will, geht plötzlich gar nichts mehr.“
  • „Wenn ich einen Termin habe, stehe ich sofort unter Druck. Dann kommt auch noch die Atemnot.“

In diesen oder ähnlichen Situationen schleicht sich (oft unmerklich) ein ungünstiges Atemmuster ein. Schwupps steckt der Patient in der „Überblähungs-Falle“ und das „Atemnot-Monster“ freut sich diebisch …

2. Atemphysiotherapie: Techniken zur Atemnot-Vorbeugung

Für die „Überblähungs-Falle“ gilt: Möglichst gar nicht hineintappen! Mit Techniken der Atemphysiotherapie kann man der Lungenüberblähung und der Angst bei Atemnot vorbeugen. Dazu zählen u. a.

  • Entblähungsverfahren (PEP-Ventil, RC-Cornet)
  • Stenoseatmung (Lippenbremse, Strohhalm)
  • Atemerleichternde Haltungen (Torwartstellung, Kutschersitz)

3. Psychopneumologie: Übungen zur Atemnot-Vorbeugung

Auch die Psychopneumologie bietet effektive Übungen. Als Asthma- oder COPD-Patient kann man durch regelmäßige Achtsamkeits-Übungen dem „Atemnot-Monster“ und seiner „Überblähungs-Falle“ ein Schnippchen schlagen:

Und das sind die entscheidenden Schritte:

  1. Ich nehme die Existenz des „Atemnot-Monsters“ an und betrachte es nicht als Feind.
  2. Ich lerne meine „Überblähungs-Falle“ kennen und akzeptiere sie.
  3. Ich kümmere mich liebevoll um mich selbst.

Sich liebevoll um sich selbst kümmern, kann für jeden etwas anderes bedeuten:

  • Der „Aktive“ übt statt „schnell, schnell“ ein ruhiges Morgen-Ritual mit angemessenen Pausen ein.
  • Die „Perfektionistin“ handelt bei Termindruck konsequent nach dem Motto: „Eile mit Weile – so komme ich mit Luft ans Ziel.“

Aus Sicht der Psychopneumologie stärken all diese Übungen die Selbstwirksamkeits-Überzeugung:

  • Ich nehme meine Gefühle in einer bestimmten Situation wahr (Fühlen).
  • Ich weiß, was ich tun kann (Wissen).
  • Ich wende mein Wissen an (Motivation und Handeln).
  • Ich kann Einfluß auf die Situation nehmen (Verändern).

Selbst konsequentes Üben kann nicht verhindern, dass manchmal „nichts mehr geht“. Dann war das „Atemnot-Monster“ gerissener und der Patient sitzt plötzlich in der „Überblähungs-Falle“. Hier helfen die Maßnahmen aus dem „Notfall-Koffer“, z. B. Handventilator, Notfallspray – und bei Erfolglosigkeit: der Rettungsdienst.

Wer allerdings regelmäßig Achtsamkeits-Übungen aus der Psychopneumologie praktiziert, kann damit sogar in akuten Atemnot-Situationen auf die Angst einwirken. Hilfreich sind beispielsweise Ablenkungs-Techniken wie die „5-4-3-2-1-Methode“. Diese und ähnliche Techniken finden Sie in der Broschüre „Ängste bei Atemnot – Wege aus dem Teufelskreis“.

Es kommt auf Ihren Mut an, denn Menschen haben Angst. Jedenfalls die lebendigen!

Angst vor Atemnot bewältigen

1. Theorie: Auswirkungen von Atemnot-Erfahrungen

Die Auswirkungen von Atemnot-Erfahrungen werden momentan in zahlreichen Studien erforscht. Dabei zeigen sich erstaunliche Ergebnisse:

  • Atemnot-Erfahrungen verändern die Gehirnstruktur.
  • Sie führen zu einer intensiveren Atemnot-Wahrnehmung.
  • Gelernte Verknüpfungen von Atemnot-Schlüsselreizen mit Atemnot-Angst führen zu ungünstigen Bewältigungs-Strategien.

Diese spannenden Erkenntnisse, wie Atemnot-Erfahrungen die Angst vor Atemnot beeinflussen, nutzt die Psychopneumologie für die Entwicklung von effektiven Behandlungsansätzen.

2. Praxis: Bewältigung der Atemnot-Angst

Als Grundsatz für die Bewältigung der Angst vor Atemnot gilt: Sei stärker als Deine stärkste Ausrede! Denn die Angst vor Atemnot ist leider ein typischer Einstieg in die „Dekonditionierungs-Spirale“:

Tipps für einen angemessenen Umgang mit der Angst vor Atemnot erhält man in der Pneumologischen Rehabilitation. Auch im Lungensport lernen viele Patienten in einer sicheren Umgebung den Umgang mit Atemnot-Angst-Auslösern (Treppe, Steigung, Stress,…).

Bei Angst vor Atemnot entfalten Achtsamkeits-Übungen aus der Psychopneumologie besonders segensreiche Wirkungen. Die Anleitung zu einer Übung (in Anlehnung an Matthias Wengenroth) finden Sie hier zum Ausdrucken: Übung (PDF)

Nur Mut: Sie erproben damit Ihre Möglichkeiten zum Umgang mit dem „Angst-vor-Atemnot-Monster“. Ob es klappt und ob Sie mit Ihrem Handeln erreichen, was Sie wollen, können Sie im Vorfeld nicht wissen. Aber nur, wenn Sie handeln, haben Sie die Chance, eine Wirkung zu erzielen.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei der Zähmung Ihres „Atemnot-Monsters“!

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Kommentare:

Kommentar von Suzanne Crehan |

Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich habe seit einem Jahr die Diagnose copd VI, ich habe es bisher geschafft mit aller nötigen Ruhe und Selbstpflege und großer Angst vor dem o.g. Monster mein Leben in den Griff zu bekommen. Hier möcht ich noch einmal betonen, wie sehr mir dieses Portal dabei geholfen hat. Trotz aller Verzweifelung. Aber nur das konsequente verzichten auf tabakrauchen bringt denke ich auf lange Sicht Erfolg, Lungensport, Ruhe und Stressfreiheit. Kümmert euch um euch, mein Rat, es tut kein anderer! Ich gehe sogar in einen Laien-Chor, einmal die Woche, damit habe ich einen Jugendwunsch endlich mit fast 60 Jahren umgesetzt, es tut gut, die Atemübungen sind noch extra Sport. Ich hatte von einem Copd-chor aus London gehört. Das wäre auch ein gutes Thema, was es evtl. zu betrachten gäbe. Leider habe ich noch nicht viel herausfinden können. Jedenfalls soll singen ein gutes therapeutikum bei copd sein. Sowohl für die Psyche als auch für die Atmung! Gruß und Dank an das Super-Team, ohne euch hätte ich schon oft ganz schön hilflos dieses Horrorjahr ausgesehen. Ja und weiter so!

Kommentar von Jasmin Nadler |

Der Artikel ist sehrlich gut.Würde gerne mehr darüber lesen.

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