
Hinweis: Auf meinen letzten Beitrag „Atemnot trotz Therapie – warum kann das sein?“ habe ich viele Rückmeldungen von Ihnen erhalten. Unter anderem wurden Fragen zu tragbaren Sauerstoffkonzentratoren gestellt.
Meine ausführliche Antwort dazu finden Sie in den Kommentaren zum Artikel.
Lebensqualität durch Atemkontrolle
Nun möchte ich auf therapeutische Optionen eingehen, die die Lebensqualität verbessern können, auch wenn die Lunge selbst nicht geheilt wird.
Als Beispiel kommt mir hier eine Patientin in den Sinn, die trotz eines schweren Lungenemphysems (einer dauerhaften Überblähung der Lunge) noch lange Zeit ein aktives Leben führen konnte.
Der Unterschied im Vergleich zu anderen Patient:innen mit ähnlicher Krankheitsschwere war, dass sie ihren Körper voll unter Kontrolle hatte. Sie war Tänzerin von Beruf.
Was meine ich mit Atemkontrolle? Es bedeutet, den Körper bewusst zu lehren, sich nicht durch ein an sich lösbares Problem aus der Bahn werfen zu lassen.
In stabilen Krankheitsphasen ist bei obstruktiven Lungenerkrankungen – also Erkrankungen mit verengten Atemwegen wie COPD oder Asthma – das Problem für Atemnot meistens die dynamische Überblähung. Sie setzt sich auf die bereits bestehende, chronische Überblähung auf.
Wie kommt eine dynamische Überblähung zustande?
Bei schnellerer Atmung bleibt rein rechnerisch weniger Zeit zum Ein- und Ausatmen. Menschen mit obstruktiven Lungenerkrankungen können die Luft ohnehin schlechter ausatmen, weil ihre Bronchien verengt und instabil sind.
Wenn sich die Ausatemzeit zunehmend verkürzt, bleibt auch zunehmend mehr Luft in der Lunge zurück. Die Lunge wird dadurch „dynamisch“ überbläht, sodass weniger frische Luft nachströmen kann.
Das Atmen wird anstrengender, und das Gehirn registriert diese Kombination aus hoher Atemarbeit und schlechter Belüftung als Luftnot.
Wird die Atmung wieder langsamer und die Ausatmung am besten mit etwas Gegendruck verlängert, kann die gefangene Luft wieder „dynamisch“ aus der Lunge entweichen. Dabei hilft die Lippenbremse: langsames Ausatmen durch leicht geschlossene Lippen.
Kontrolle über die Atmung gewinnen
Wer diese drei Bausteine beherrscht, hat den wichtigsten Schritt für eine bessere Atemkontrolle und Lebensqualität gemacht:
- Überblähung managen: Lernen, mit der dynamischen Überblähung umzugehen – zum Beispiel durch bewusstes Verlangsamen der Atmung und den Einsatz der Lippenbremse.
- Inhalationstherapie: Die verordneten Medikamente regelmäßig und korrekt anwenden.
- Schleimlösung: Den Bronchialschleim mithilfe geeigneter Techniken und Hilfsmittel wie PEP-Systemen (Geräte, die beim Ausatmen einen positiven Druck erzeugen) wirksam mobilisieren.
Wenn die Seele die Atmung beeinflusst
(Obwohl ganz besonders auch die Begleiterkrankungen Aufmerksamkeit verdienen, werden sie in diesem Beitrag nicht weiter behandelt.)
Natürlich wissen Sie alle, dass regelmäßiges Training wie zum Beispiel der Lungensport die körperliche Belastbarkeit steigern und die Atemnot reduzieren kann. Das ist durch viele Studien wissenschaftlich belegt. Das Treffen in der Gruppe und die Betreuung durch die Übungsleitung haben außerdem Nutzen für die Psyche und helfen, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wieder zu verbessern.
Apropos Psyche: Körperliche Erkrankungen wirken sich oft auf unsere Gedanken und Stimmungen aus. Aber unser seelisches Innenleben beeinflusst ebenso den Körper.
Gerade bei Lungenkrankheiten kann eine innere Anspannung verhängnisvolle Folgen haben. Denn Stress und die ständige Sorge, nicht genug Luft zu bekommen, wirken sich direkt auf die Atmung aus. Warum das so ist, möchte ich Ihnen erklären.
Zurück zum Anfang: Was passiert im Körper?
Wenn die Lunge – etwa bei COPD – durch dauerhaft verengte und instabile Bronchien überbläht ist, wird das Zwerchfell (unser wichtigster Atemmuskel) durch die in der Lunge gefangene Luft nach unten gedrückt. Dadurch verliert es an Beweglichkeit und Kraft. Auf Röntgenaufnahmen des Brustkorbs lässt sich diese Tiefstellung gut erkennen.
Um die behinderte Zwerchfellfunktion auszugleichen, greifen Betroffene verstärkt auf die Atemhilfsmuskulatur zurück. Das ist vor allem die Muskulatur im Halsbereich und auch Anteile der Brust- und Rückenmuskulatur. Diese Muskeln können am besten zur Lungenbelüftung genutzt werden, wenn die Arme und der Schultergürtel stabilisiert werden.
Das ist der Grund dafür, warum man bei Atemnot unwillkürlich die Arme abstützen will. Deshalb werden therapeutische Körperstellungen wie zum Beispiel Kutschersitz und Torwartstellung empfohlen.
Warum Angst die Atemnot verstärken kann
Vor Urzeiten musste ja immer wieder einmal vor dem Säbelzahntiger geflüchtet werden. Was macht der Körper automatisch, wenn Unbill droht? Es gibt die Überlegung: Flucht oder Kampf. Auf jeden Fall werden die Oberkörpermuskeln vorsorglich angespannt – um schneller lossprinten zu können oder dem Vieh doch „eins auf die Mütze“ zu hauen.
Dies ist im Fall mit Säbelzahntigern sehr nützlich. Bei lungenkranken Menschen leider nicht, weil bei der Anspannung des Oberkörpers auch die Atemhilfsmuskeln blockiert werden, die ansonsten bei der Lungenbelüftung helfen könnten. Genetisch eingeprägte Verhaltensweisen ändern sich nicht in kurzer Zeit.
Sehr viele Patient:innen mit andauernder und wiederkehrender Luftnot haben auch deshalb einen extrem verspannten Schulterbereich – und nicht nur, weil die Überblähung der Lunge die Brustkorbbewegung mechanisch blockiert. Eine Verspannung der Oberkörpermuskeln schränkt also die Beweglichkeit des Brustkorbs maßgeblich ein, was wiederum die Belüftung der Lunge erschwert.
Den Brustkorb mobilisieren – die Rolle der Faszien
Was sind Muskelfaszien?
Muskelfaszien sind bindegewebige Hüllen um einzelne Muskelfasern, Muskelfaserbündel und um den gesamten Muskel. Fleischgenießer kennen Faszien als „Silberhaut“.
Faszien gelten allgemein als Kraftverteiler. Am Brustkorb spielen sie eine sehr wichtige Rolle für die Beweglichkeit und die Atemmechanik. Auch das Zwerchfell als Hauptatemmuskel ist über Faszien mit Brustkorb, Wirbelsäule, Bauchraum und Beckenboden verbunden.
Es gibt im Lungensport zahlreiche hervorragende Übungen zur Mobilisierung des Brustkorbs, aber manchmal sind die Muskelfaszien so verklebt, dass ergänzend andere Maßnahmen hilfreich sein können. Bewegungseinschränkungen entstehen dann, wenn Faszien nicht mehr frei über dem Muskel gleiten und sich oberflächliche und tiefe Faszien nicht mehr gut gegeneinander bewegen können.
Ida Rolf (1896–1979) gilt als Wegbereiterin der modernen Faszienforschung. Sie war davon überzeugt, dass die manuelle Behandlung des Bindegewebes durch Druck und Massage die Körperstatik beeinflussen könne, und benannte die Therapie nach sich selbst – als Rolfing. Heute gibt es in Deutschland die Deutsche Gesellschaft für Myofascial Release e. V.
Eine kleine wissenschaftliche Arbeit von Amira S. Mohamed (Journal of Taibah University Medical Sciences, Juni 2024) zeigt bei Patient:innen mit COPD nach 8 Wochen Faszientherapie eine Verbesserung der Lungenfunktion, der Atemnot und der körperlichen Leistungsfähigkeit.
Reflektorische Atemtherapie (RAT)
Auch die Reflektorische Atemtherapie (RAT) kümmert sich als ganzheitliche Therapiemethode um die Faszien. Dr. Johannes Ludwig Schmitt galt schon in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts als Pionier der Atemheilkunst in Deutschland und entwickelte seine „Atemmassage“.
Dazu gehören:
- Die Auflage von heißen, feuchten Tüchern
- Intensive Grifftechniken, die gezielt Reize setzen
- Therapeutische Übungen und Positionen aus dem Yoga
Seine Mitarbeiterin, die Physiotherapeutin Lieselotte Brüne, entwickelte das Konzept weiter. Im Rahmen einer Pneumologischen Rehabilitation – zum Beispiel in Berchtesgaden oder Bad Reichenhall – wird die RAT regelmäßig angewandt.
Yoga-Atmung bei Lungenerkrankungen
Die Pranayama-Atemtechniken aus dem Yoga sind sehr alt. Prana steht dabei für Lebensenergie und Ayama für Ausdehnung, Lenkung, Kontrolle. Im Hatha-Yoga gibt es 8 klassische Atemtechniken, daneben aber eine reichliche Anzahl von modernen Variationen und Kombinationen.
Wichtig: Nicht alle Pranayama-Techniken sind für lungenkranke Menschen geeignet! Die Bhramari-Atmung möchte ich Ihnen hier aber genauer vorstellen.
Bhramari Pranayama – oder Summen wie eine Biene
So geht die Übung:
- Wählen Sie einen bequemen Sitz und einen ruhigen Ort.
- Schließen Sie sanft die Augen.
- Lassen Sie Ihre Mundwinkel leicht nach oben streben.
- Verschließen Sie beide Ohren mit den Zeigefingern.
- Nehmen Sie einen tiefen Atemzug durch die Nase und erzeugen Sie dann in der Ausatmung ein summendes Geräusch, wobei der Mund geschlossen bleibt. (Vermeiden Sie es, in der Ausatmung zu pressen.)
- Atmen Sie so zunächst für 3 Atemzüge und nehmen Sie das Geräusch wahr.
- Halten Sie die Augen geschlossen und spüren Sie der Wirkung nach.
Tipp: Je höher Ihre Tonlage beim Summen, desto intensiver ist die Atemtechnik.
Bei Bhramari wirkt die Kombination aus Vibration, leichtem Ausatemdruck und Atemverlängerung vermutlich durch die Stimulation des Vagusnervs. Das ist dem Mechanismus der Lippenbremse gar nicht unähnlich.
Was ist der Vagusnerv?
Der Vagusnerv ist der zehnte Hirnnerv. Er ist der wichtigste und weitreichendste Nerv des Parasympathikus – also des Teils unseres Nervensystems, der für Ruhe und Erholung zuständig ist – und verbindet den Verdauungstrakt, die Lunge und das Herz mit dem Gehirn.
Wir alle haben im Alltag bestimmte bewusste und unbewusste Verhaltensmuster, die Einfluss auf den Vagus haben. Bei Stress fächelt man sich Luft ins Gesicht, pustet kräftig aus – Puuhh – oder spritzt sich kaltes Wasser ins Gesicht.
Atemtechniken können den Vagusnerv mutmaßlich beeinflussen.
Es gibt mittlerweile sogar bildgebende neurowissenschaftliche Hinweise – zum Beispiel durch fMRT (funktionelle Magnetresonanztomographie, ein Verfahren, das die Gehirnaktivität sichtbar macht) –, dass bewusste Atemtechniken die Gehirnaktivität beeinflussen können. Damit wird auch Einfluss auf Herzschlag, Blutdruck, Stressreaktionen und Emotionen möglich.
Längeres Training kann möglicherweise sogar zu strukturellen Veränderungen im Gehirn führen – Fachleute sprechen von Neuroplastizität (der Fähigkeit des Gehirns, sich durch Training anzupassen und umzubauen).
Was kann die Aktivierung des Vagusnervs bei Lungenerkrankungen bewirken?
Wenn der Vagusnerv aktiviert wird, können sich verschiedene positive Effekte einstellen:
- Herz- und Atemfrequenz können sinken.
- Der Energiebedarf sinkt. Der Körper benötigt weniger Sauerstoff.
- Atemanstrengung und Atemerfolg kommen wieder ins Gleichgewicht.
- Das limbische System (der Bereich im Gehirn, der für Emotionen zuständig ist) registriert das „wohlwollend“.
- Die körperliche Anspannung lässt nach.
- Bei obstruktiven Erkrankungen hat langsame und tiefe Atmung eine Entblähung der Lunge zur Folge.
Fazit: Chronische Atemnot lindern – Ihre Möglichkeiten
Auch wenn eine chronische Lungenerkrankung nicht geheilt werden kann, haben Sie viele Möglichkeiten, Ihre Lebensqualität zu verbessern. Atemkontrolle, Faszientherapie und gezielte Atemtechniken wie die Bhramari-Atmung können Ihnen helfen, im Alltag besser mit Atemnot umzugehen.
Quellen:
– Foto: Jacob Wackerhausen / istock.com








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